…und nach uns die Sintflut

Grau und schwer wälzen sich die Wolken herunter in die Stadt. Der Blick aus dem Fenster bleibt an Nebelschwaden und Nieselregen hängen. Seit gestern abend regnet es schon, und das nicht zum ersten Mal in diesem Sommer. Laut der Zentralanstalt für Meteorologie und Geodynamik, kurz: ZAMG, haben die Ost- und Nordösterreicher das regenreichste Halbjahr seit 190 Jahren hinter sich. Nur 1965 war es noch feuchter als heuer.
So zahlreich wie die Regentage sind auch die vermeintlichen Ursachen, die als Erklärung für das wechselhafte Wetter herhalten müssen. Im Wesentlichen lassen sich aber zwei Argumentationsstränge ausmachen, die den allgegenwärtigen „Wetter-Smalltalk“ prägen. Zum ersten wird der vom Menschen verursachte Klimawandel als Erklärung herangezogen. Vor allem die westlichen Industriestaaten seien wegen des hohen CO²-Ausstoßes für die Erderwärmung verantwortlich. Die Folge: Eine wesentliche Veränderung des weltweiten Klimas, mehr Naturkatastrophen und ein schnelleres Abschmelzen der lebenswichtigen Gletscher. Das Steigen des Meeresspiegels sei außerdem eine ernst zu nehmende Bedrohung für dicht besiedelte Küstengebiete und Insel-Staaten.
Die Vertreter der zweiten Richtung tun diese Befürchtungen als übertriebene Panikmache ab. Das Klima habe sich gar nicht verändert, der Klimawandel sei eine Lüge. Bereits vor hunderten Jahren habe es feuchte und trockene Jahre gegeben und die Gletscher seien – so vom ZDF-“heute-journal“ zitierte Kritiker des Klimawandels – in den letzten 10.000 Jahren bereits acht Mal nahezu ganz abgeschmolzen. Grund seien weder Treibhausgase noch sonstige Nebenwirkungen des menschlichen Daseins. Es handle sich lediglich um einen natürlichen Klimawandel.
Was wirklich hinter den sich häufenden Regentagen steckt, kann so einfach nicht beantwortet werden. Oft spielt uns wohl auch das subjektive Empfinden einen Streich: Sommertage sind in unserer Vorstellung heiß und wolkenlos. Die Urlaubsplanung sieht regnerische Stunden nicht vor. Jede Wolke ist eine Bedrohung für den Tag am See, am Strand oder auf dem Gipfel eines Berges. Deshalb kann es sein, dass wir uns vor allem an Regen, Sturm und Wind erinnern und sonnige Nachmittage, laue Abendbrisen und sternenklare Nächte einfach vergessen. Schlechtes Wetter drückt außerdem auf unsere Stimmung und bald ist nicht nur der Himmel, sondern auch unsere Laune dunkelgrau.
In einem haben Kritiker der Klimawandel-These sicher recht: Wetter-Unregelmäßigkeiten und Temperaturschwankungen gibt es bereits seit Jahrtausenden. Immer wieder war die Erde extremen Klima-Situationen einfach ausgeliefert. Eine dieser Perioden war die so genannte „Kleine Eiszeit“ im 16. Jahrhundert. Diese temporäre Erdabkühlung, die von langen, kalten Wintern und regenreichen, kühlen Sommern geprägt war, trat mit regionalen und zeitlichen Schwerpunkten weltweit auf. Die extremen Temperaturen dieser Zeit sind unter anderem mitverantwortlich für eines der dunkelsten Kapitel der europäischen Geschichte. Wochenlanger Regen durchnässte das Getreide, die Körner faulten auf den Halmen. Nahrungsmittelknappheit war die Folge. Die Mangelernährung führte zu Seuchen und sozialen Spannungen innerhalb der Bevölkerung – und schließlich zur Anklage von Frauen und Männern, die mit dem Teufel in Verbindung stehen sollten. „Im Wetter nichts Neues“ also?
Nicht ganz, beteuern Klimatologen, Geowissenschaftler und Experten der Vereinten Nationen. Klimawandel bedeutet im Wesentlichen eine Häufung von Extrem-Wetter-Lagen, und da gibt es eine Menge vorzuweisen. Katrina, Ike, Sidr, Nargis, Kyrill, Emma – die Liste ließe sich mühelos ergänzen. Unter Experten gilt es als unumstritten, dass Abgase eine schädliche Wirkung auf unser Klima haben. Im UN-Klimareport 2007 haben Forscher festgehalten, dass Treibhausgase eingestrahlte Sonnenwärme auf der Erde zurückhalten und so die Atmosphäre erhitzen. Die Folge: Nicht nur Gletscher schmelzen, sondern auch die Pole und der Permafrost. Für uns Menschen hat das verheerende Folgen. Der Meeresspiegel steigt, ganze Städte stehen dort, wo der Permafrost verschwindet, auf Morast. Außerdem wird ein Teufelskreis in Gang gesetzt, der sich vom Menschen nicht mehr aufhalten lässt: Schmilzt der Permafrost, wird Methan freigesetzt, das seit der letzten Eiszeit im Boden gebunden ist. Dieses Methan trägt als hochwirksames Treibhausgas zur Erderwärmung bei – und damit zum Rückgang des Permafrosts. Der Mensch scheint diesen Entwicklungen hilflos gegenüber zu stehen. Vielleicht ist gerade deshalb die Diskussion so emotional und, im wahrsten Sinne des Wortes, aufgeheizt.
Doch letztendlich spielt es keine Rolle, ob der Klimawandel für die verregneten Urlaubstage verantwortlich ist oder doch nur ganz normale Wetterkapriolen. Fest steht: Der Mensch geht mit seinem einzigen Lebensraum nachlässig um. Es scheint, als gelte das Motto: „Und nach uns die Sintflut“. Umwelt-, Luft- und Wasserverschmutzung beeinträchtigen unsere Lebensqualität, und die aller nachfolgenden Generationen. Wie können wir handeln? Klimapolitik, die sich auf das jährliche Stelldichein von Politikern und Forschern auf der UN-Klimakonferenz beschränkt, macht wenig Sinn. Ziel der einzelnen Staaten darf nicht nur die Reduzierung des CO²-Ausstoßes sein. Leere Versprechungen reinigen nur das Gewissen, aber nicht die Erde. Vielmehr gilt es, in der Bevölkerung das Verständnis für nachhaltiges Leben mit und nicht nur in der Natur zu wecken. Erneuerbare Energien, umweltfreundliche Transportmittel, bewusste Ernährung und der Kauf von Produkten aus der Region: Lebensqualität bedeutet, selbst mitzubestimmen und aktiv zu sein.
PS. Gerade kam in ZIB20 die Nachricht, dass in der Arktis die höchsten Temperaturen seit rund 2000 Jahren verzeichnet werden… Bis vor 100 Jahren habe sich die Arktis stetig abgekühlt. Mit Beginn der Industrialisierung sind die Temperaturen dann – schneller als irgendwo sonst auf der Erde – deutlich gestiegen.