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Von “Keschtn”, “Schlutzern” und der “Torggl”

Von Ingrid, 13. Oktober 2009 07:37

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Törggelen: Ein Südtiroler Brauch, der auch heute noch sehr lebendig ist und an Hilfsbereitschaft und Gastfreundschaft erinnert. In alten Zeiten zogen Helfer und Verwandte von Bauernhof zu Bauernhof, um bei der Weinernte, dem “Wimmen” zu helfen. Als Lohn für die anstrengende Arbeit in den Reben bereitete die Bäuerin ein Abendessen mit typischen Südtiroler Bauernspezialitäten zu. Der Bauer kredenzte den Helferinnen und Helfern dazu Wein; unter anderem auch den Traubensaft, der gerade erst durch die “Torggl”, die Weinpresse, gegangen war. Auf die “Torggl” ist auch das Wort Törggelen zurück zu führen, das heute weit über den Südtiroler Sprachraum hinaus bekannt ist. Jeden Herbst ziehen nicht nur Südtirolerinnen und Südtiroler, sondern auch ganze Busladungen Touristen von einem Törggelelokal zum nächsten. Die besten Buschenschänke findet man naturgemäß in jenen Gegenden, in denen auch Wein angebaut wird. Geheimtipps gibt es allerdings nur mehr wenige. Viele Lokale fertigen die Gäste schnell und lieblos ab. Dabei geht verloren, was beim Törggelen wirklich wesentlich ist: die Gemütlichkeit.

Und wie wird das Törggelen zelebriert? Die einzig richtige Art ist (wenigstens nach Ansicht der Autorin) die im Folgenden beschriebene:
Eine Wanderung durch bunt gefärbte Kastanienhaine und die frische klare Herbstluft ist wohl das beste Mittel, um den Appetit anzuregen. Und dann fängt sie an, die Völlerei, von der man Winter, Frühling und Sommer geträumt hat:
Eine gehaltvolle Vorspeise – Gerstsuppe, Spinat- und/oder Käseknödel, hausgemachte Schlutzkrapfen – ist erst der Auftakt. Zwar scheint der Magen nach dem Genuss dieser typischen Leckereien schon gefüllt, (fast) ohne Verschnaufpause geht es dennoch weiter zum nächsten Gang.
Auf die “Schlachtplatte” sind Ripperln, Surfleisch, Hauswürste, Blutwürste und nicht zu vergessen ganze Sauerkrautberge gehäuft. Typische Beilagen sind Speckknödel und Röstkartoffeln.
Wer jetzt noch nicht genug hat, dem ist nicht mehr zu helfen – außer mit selbstgemachten Südtiroler Krapfen. Die hauchdünnen Teigblätter mit gezackten Rändern sind je nach geografischem Bezirk unterschiedlich gefüllt: Am beliebtesten sind Krapfen mit “Kloatzen” (ein Gemisch aus getrockneten, geriebenen Birnen und Marillenmarmelade) oder Mohn (vermischt mit selbstgemachter Marillenmarmelade).
Hinunter gespült werden diese Köstlichkeiten mit süffigem Eigenbauwein. Dieser kann zwar nur höchst selten mit den wirklich guten Weinen mithalten, für die Südtirol berühmt ist. Dafür hat der Eigenbau einen niedrigeren Alkoholgehalt, ist bekömmlich und leicht und schmeckt mit jedem Schluck besser.

Sind Krapfen und Wein verputzt, nähert sich der Abend dem Höhepunkt: Die “Keschtn” werden in einer “Keschtnriggl” verzehrfertig gemacht. Heißt im Klartext: Edelkastanien werden mit einem Messer leicht eingeritzt und dann in einer großen, durchlöcherten Pfanne über dem offenen Feuer gebraten. Zu dieser Köstlichkeit gibts neben Butter auch den “Sußer” oder “Siaßn”. Dieser frisch gepresste Wein ist je nach Gärungsstufe entweder ein köstlicher Traubensaft, oder ein himmlischer (wenn auch sehr verdauungsanregender) süßer Wein mit wenig Alkohol.

Doch Törggelen ist mehr als nur Essen und Trinken. Eine lustige Gesellschaft, das Singen in der Gaststube, ausgedehnte Herbstwanderungen und hitzige Diskussionen gehören ebenso zu diesem Brauch wie die Gespräche mit Bauern und Bäurinnen oder dem bei allen Bevölkerungsschichten beliebten “Spiaglen”. Dabei streifen Wanderer durch die Weinberge und pflücken jene Trauben, die den “Wimmerinnen” und “Wimmern” (WeinleserInnen) entweder zu klein oder zu unreif waren. Die Wanderer pflücken sich also noch einmal quer durch den Weinberg und “spiegeln” dabei die Erntearbeit – daher auch der Name “Spiaglen”. Bauern, die sich beliebt machen wollen, lassen am besten ein paar ordentliche “Tschipplen” (Rispen) hängen – der Bauer ist auf die wenigen Trauben nicht angewiesen und die “Spiagler” freuts.

Törggelen ist ein Brauch für Leib und Seele. Wer das Glück hat, einen Buschenschank oder ein Törggelelokal abseits kommerzialisierter Wege zu kennen, kann bei diesem herbstlichen Vergnügen wahrlich Kraft für den nahenden Winter tanken!

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