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Eine Advents-Reise in die Stadt der Liebe

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Von Ingrid, 9. Dezember 2009 17:11

Ein ofenwarmes Baguette, Butter, Marmelade, frischgepresster Orangensaft und zwei Café au lait – das köstliche petit déjeuner tröstet uns darüber hinweg, dass über Paris gerade die Sintflut zu kommen scheint. Die kleine Bar ist gemütlich und warm, leise dudelt Musik im Hintergrund, der Kellner ist freundlich und hilfsbereit und behandelt uns trotz unserer nicht-vorhandenen Französischkenntnisse wie vollwertige Menschen.

Wir haben Glück: Als wir das letzte Stück Baguette verspeisen, hört es draußen auf zu regnen. Gestärkt treten wir hinaus auf die Straße, beschließen, es so zu machen wie bei all unseren Reisen: Wir verstauen die Reiseführer im Rucksack und lassen uns durch die Straßen von Paris treiben. Je enger ein Gässchen, desto verlockender, lautet die Devise. Doch das Sprichwort scheint in abgewandelter Form für Paris zu gelten: “Jede Gasse führt zum Louvre”.

Louvre

Und so stehen wir im riesigen Innenhof mit der vergleichsweise kleinen, aber umso berühmteren Pyramide. Eine Frau kommt uns entgegen, bückt sich nach einem dicken, goldenen Ring der vor uns auf dem Boden liegt und streckt ihn uns entgegen und fragt auf Französisch: “Oh la la! Gehört der euch? Wollt ihr den?” Doch wir sind vorgewarnt. Mit diesem und hundert anderen Tricks arbeiten Taschendiebe.

“Passt auf eure Taschen und Rucksäcke auf!” hatte uns unsere Reisegefährtin im Zugabteil gewarnt. “Wenn du in Deutschland deine Brieftasche verlierst, dann bringt der Finder sie aufs Fundbüro. In Paris, da gibt es kein Fundbüro.” Die Afrikanerin war auf jene völlig abstruse Art rassistisch, die mich jedesmal wieder zum Lachen bringt. Schon beim Einsteigen hatte sie ihre zwei kleinen Kinder auf die Sitze platziert, sich vor uns aufgebaut und mit starkem Akzent streng gefragt: “Sind Sie Deutsche?” Zufrieden hatte sie unsere Antwort (”Nicht ganz. Österreicher und Italienerin.”) registriert, und gleich die Gründe für ihre Frage erklärt: “Kann ich beruhigt schlafen, und die Kinder auch. Deutsche sind ehrlich, hab ich keine Angst vor Diebstahl. Letzte Mal war ich mit zwei jungen Männern, die haben mich beobachtet, aber dann haben sie gemerkt, dass ich nicht einschlafen werde mit ihnen im Abteil. Sind dann gegangen, weil sie nicht stehlen konnten.”

“Eine Zugfahrt, die ist lustig”, heißt es nicht umsonst. Der fünfjährige Maurice spricht akzentfreies Deutsch, seine kleine Schwester plappert in einer der 70 Landessprachen der Elfenbeinküste und besticht durch ihren fröhlichen Charme und ihre großen staunenden Augen. Vier Wochen werden die Kinder bei einer Tante in Paris verbringen, während ihre Mutter zum ersten Mal seit 18 Jahren Weihnachten mit ihrer Familie in Afrika feiert.

Doch zurück nach Paris: Unser Spaziergang führt uns schließlich auch die weihnachtlich geschmückte Champs-Èlysèes hinauf. Kleine Hütten säumen die Pariser Prachtstraße, es riecht nach Glühwein, Crêpes und Hot Dogs. Auch in Paris gibt es also einen (total überlaufenen) Weihnachtsmarkt.

Elysses

Wir streben dem Arc de Triomphe entgegen, der ein Ende der 1910 Meter langen und 70 Meter breiten Avenue markiert. Wir steigen auf den Triumphbogen hinauf und genießen das 360°-Panorama über Paris. Ein erster Blick auf den Eiffelturm und die berühmten Kuppeln der Basilique du Sacré-Cœur macht noch neugieriger auf diese Stadt, die in unzähligen Filmen, Liedern und Büchern als “Stadt der Liebe” gepriesen wird (und in Thrillern und Krimis als Stadt, in der Leichen in der ruhig fließenden Seine versenkt werden).

ceur

Als wir abends nach einem 15-Kilometer-Marsch (es handelt sich hier um eine vorsichtige Schätzung) ins Hotel kommen, fallen wir todmüde ins Bett. Erst am nächsten Morgen realisieren wir, in welch originellem Pariser Hôtel wir abgestiegen sind. Unser Zimmer ist orange gestrichen, dicke Holzbalken stützen die Decke. Menschen, die bereits lange tot sein dürften, schauen von gerahmten Fotos auf uns herab. Getrocknete Rosensträuße hängen von der Decke und das blau-weiß bemalte Porzellan-Waschbecken ist eingebettet in einen Holzschrank. Vive le bon vieux temps!

Zimmer

Sonntag, 11 Uhr vormittags: Wir treffen Radia im Café Saint Michel. Kennengelernt haben wir die hübsche, intelligente und weltoffene Französin in Brisbane. Das Wiedersehen ist schön, unsere Gespräche knüpfen dort an, wo wir sie in Australien beendet haben. Außerdem hat Radia Miriam mitgebracht, eine Anwältin, die mit uns sprechen will, um ihr Englisch zu trainieren. Zweimal die Woche geht Miriam zu einem Konversationskreis: Sie spricht mit Britinnen Englisch, während diese versuchen, ihr Französisch zu verbessern. Miriam ist nicht nur eine lustige Gesprächspartnerin, sie ist auch Beweis dafür, dass nicht alle Franzosen stur auf ihre Sprache beharren.

Radia und Miriam führen uns durch das arabische Viertel von Paris. Hier gebe es das beste Couscous, schwärmt Radia. Außerdem habe sie alte Erinnerungen an diesen Stadtteil. Im Haus dort drüben habe sie gewohnt, bis der “old crazy man” im Stock unter ihr seine Wohnung abgefackelt habe, und ihre gleich mit. Radia ist eine ausgezeichnete Fremdenführerin. Nach einem Abstecher in die berühmte Basilique du Sacré-Cœur lotst sie uns durch enge Gässchen im Stadtteil Montmartre. Abseits von den Touristenströmen genießen wir in einem bis auf den letzten Platz besetzten Restaurant eine französische Spezialität, die vor allem aus Salat, aber auch aus Kartoffeln mit viel Knoblauch und Gewürzen besteht. Wahlweise dazu gibts Lachs oder Schinken.

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Lange bleiben wir sitzen, reden und lachen. Stefan ist von Radia besonders deshalb fasziniert, weil sie selbstständige (und sehr erfolgreiche) Informatikerin ist. Ich wundere mich wieder einmal darüber, wie klein die Welt eigentlich ist: Radia arbeitet für eine französische Media Monitoring Agency, analysiert die bestehende IT und bringt sie wieder auf Vordermann. Diesselbe französische Agentur hat einen Vertrag mit Red Bull und telefoniert wöchentlich mit einer gewissen Ingrid im Headquarter in Fuschl ;-)

Bevor Radia sich verabschiedet, bringt sie uns noch zum berühmten Varieté Moulin Rouge. Die rote Windmühle wirkt erstaunlich klein und unspektakulär, verglichen mit den riesigen Sex-Shops und Tanzcafés, in denen alles angeboten wird, was irgendwie mit leiblicher “plaisir” zu tun hat.

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Manchmal hat man auch beim Streunen Glück: Wir genießen gerade eine fantastische Aussicht auf den Eiffelturm, als dieser plötzlich anfängt, in allen Farben zu blinken und zu leuchten. Die Pariser reißen am Steuer ihres Wagen, parken den Peugeot, Renault oder Citroën in zweiter, dritter, vierter Reihe mitten auf der Straße. Fasziniert beobachten Touristen wie Einheimische das Spektakel.

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Zurück in unserem Stadtteil Saint Michel: Beim Ausgang der Metrostation steht ein Krankenwagen, außerdem mehrere Polizisten. Während wir noch rätseln, was hier passiert sein könnte, stolpern wir schon über die Blutlachen am Boden. So viel Blut verliert nur, wer angeschossen oder erstochen wird. Dass das mitten im Stadtzentrum passieren kann, ist für uns erschreckend. Doch Paris ist eine Großstadt, in der über zwei Millionen Menschen leben (im Ballungsraum sogar rund elf Millionen). Da lodern nicht nur Autos in den Vorstädten (um das Klischee zu bedienen), sondern auch jede Menge Feindschaften.

Tatsächlich ist die Integration in Frankreich gescheitert. Die Vorstädte haben sich im Laufe der Jahrzehnte zu Ghettos entwickelt, in denen nur Bürgerinnen und Bürger afrikanischer oder arabischer Herkunft leben. Diese Franzosen, die in den Augen der “richtigen” Pariser keine sind, bleiben unter sich. Es fehlt hier nicht am Willen der Immigranten, sondern an den Rahmenbedingungen, die sie vorfinden. Viele “Afrikaner” und “Araber” sind in Paris geboren, haben einen französischen Pass und sprechen nur französisch. Trotzdem sind sie keine vollwertigen Bürger. Das fällt vor allem im Berufsleben auf: “Weiße” Franzosen sind Kellner, Hotelbesitzer, Anwälte, Angestellte. Die “Zugereisten” arbeiten als Abspüler, Putzfrauen, Sekretärinnen, Müllmänner. Diese Parallelgesellschaft fördert vor allem eines: Armut und Unzufriedenheit.

Am auffälligsten aber sind die vielen Afrikaner und Araber, die als illegale Immigranten ihr Glück in Paris versuchen. Sie bieten kleine Eiffeltürme aus Plastik an, Armbänder oder Maroni, die sie auf einem alten Gasfass in einer durchlöcherten Metallschüssel braten. Was muss in ihnen vorgehen: Sie haben das Glück im reichen Europa gesucht und stehen nun als Verkäufer für eine kriminelle Organisation auf der Straße. “Immerhin haben sie es besser als in ihren Herkunftsländern”, sagt die Münchnerin, die auf der Heimreise mit uns im Zugabteil sitzt. Ob es den Männern und Frauen hier wirklich besser geht? Ich stelle es mir ganz schön hart vor, ständig mit der Angst vor Abschiebung zu leben, registriert, aber nicht akzeptiert zu werden.

Montag, 20 Uhr, Gare de l’Est: Wir decken uns mit Wasser und Baguette ein, schließlich liegt eine lange Fahrt vor uns. Als wir ganz klischeehaft mit dem Baguette unterm Arm die Treppen hochsteigen, können wir uns ein Lachen nicht verkneifen. Nur einen knappen halben Meter gehen wir an drei schwerbewaffneten Soldaten vorbei. Das Maschinengewehr im Anschlag mustern sie jeden Passagier, der den Bahnhof betritt. Zwar vermeidet Paris tunlichst, so zu sein wie alle anderen europäischen (und noch schlimmer: amerikanischen) Städte. Angst vor Terroranschlägen haben aber auch die Franzosen. Wie würden die Soldaten wohl reagieren, wenn jemand mit einem Baguette auf sie zielen würde?

Wir sind für einen solchen Scherz leider schon zu müde (und selbstverständlich auch zu feige). Deshalb warten wir ganz friedlich auf unseren Zug, atmen Pariser Luft und genießen einen letzten Kuss in der Stadt der Liebe.

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Reise nach Timbuktu

Von Ingrid, 26. August 2009 12:03

“Wenn du ein paar Mal solche Reisen gemacht hast, weißt du, dass du vielleicht deinen eigenen Tod planst. Aber so siehst du es nicht. Du siehst es als Chance. Eine Chance, auf dem schnell fliegenden Pfeil deiner eigenen Sehnsüchte zu reisen.”

Vier Männer, die sich auf die Suche nach der Quelle des Niger in den Bergen Guineas machen. Die dann mit dem Kajak zwischen Flusspferden und Krokodilen flussabwärts fahren und sich durch das Herz Afrikas treiben lassen. Mark Jenkins Reisebericht “Reise nach Timbuktu” ist Wasser auf den Mühlen von Menschen, die es in die Ferne zieht. Anschaulich, spannend und mit vielen Verweisen auf die Geschichte der Erforschung Afrikas durch die Europäer erzählt Jenkins vom Abenteuer auf dem Niger.

Süchtig sein nach Reisen – während der Lektüre habe ich immer wieder nach einer Erklärung für dieses Phänomen gesucht. Und was ist Reisen überhaupt? Die Welt scheint zu schrumpfen: Wer bereit ist, eine hübsche Summe für Organisation und Reiseplanung zu zahlen, kann morgen überall auf der Erde sein. Was früher Rimini und die Nordsee war, ist heute Ägypten, Thailand, die Dominikanische Republik. Aber kann, wer seine Tage im Club in der Türkei verbringt, behaupten, die Türkei gesehen zu haben? Wo liegt der Unterschied zwischen Reise und Urlaub?

Vor allem beschäftigt mich die Frage: Was bringt Menschen dazu, sich auf ein Abenteuer einzulassen, in die Fremde zu gehen, die Strapazen einer Reise auf sich zu nehmen? Ist es angeborene Neugier, eine angeborene Sehnsucht nach der Ferne? Oder kann man Reiselust lernen? Sich sozusagen mit dem Reisevirus infizieren? Wird die Freude am Reisen von den Eltern an die Kinder weitergegeben?

Immer mehr junge Menschen machen sich heute auf die Suche nach der Herausforderung, nach dem Abenteuer und sicher auch nach sich selbst. In den Hochebenen Südamerikas, in den lebensfeindlichen Gebieten Afrikas, im Chaos südostasiatischer Großstäde tummeln sich die Backpacker in Scharen. Ist Reisen heute ein Statussymbol oder eine Station, die im Lebenslauf gut ausschaut?

Von Meeresschildkröten, Mozart und Magic Mushrooms

Von Ingrid, 20. August 2009 14:33

HINWEIS: Diese Reisereportage habe ich nach unserer Rückkehr aus Indonesien geschrieben. Nachdem der Artikel ziemlich lange in den Archiven meines Laptops verschollen war, soll er nun endlich seinen Weg an die Öffentlichkeit finden!

Gili Islands/Indonesien. Das Paradies ist verkehrsberuhigt. Auf den drei kleinen Inseln vor der Küste Lomboks ist motorisierter Verkehr verboten. Dafür gibt es Pferdekutschen, Meeresschildkröten und sogar den kleinsten „Aldi“ der Welt. Und jede Menge frischen Fisch.

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Ein Windstoß hat das provisorische Schild in Bewegung gesetzt. Sanft schaukelt es hin und her. Mit roter Lackfarbe hat jemand „Harbour“ auf das Holzbrett geschrieben und es auf den untersten Ast einer Kiefer gehängt, die nur wenige Meter vom Wasser entfernt aus dem sandigen Boden wächst. Ab und zu tuckert eines der für diese Gegend typischen Holzboote auf die Anlegestelle zu. Vier Streben ragen wie Insektenbeine vom schmalen Bootsrumpf ab. An ihnen sind zwei lange Holzlatten befestigt, die als Stabilisatoren dienen und dem bunt bemalten Gefährt auch bei höherem Wellengang eine einigermaßen sichere Fahrt garantieren. Meist sind die Boote nur halbvoll, einige Einheimische kommen von einem Einkauf oder einem Arztbesuch zurück auf die Insel. Das Anlegemanöver dauert dann nur kurz und erregt wenig Aufmerksamkeit. Aber von Zeit zu Zeit, wenn Reisende mit ihren schweren Rucksäcken auf dem Rücken an Land gehen, erwacht der Hafen von Gili Meno zu Leben. Dann parken junge Männer ihre Pferdekutschen am Strand und versuchen sich gegenseitig mit „Transport, Transport!“-Rufen zu übertönen. Verständlich, dass die Kutscher um die Gunst jeder Touristin und jedes Touristen buhlen. Immerhin beträgt der Umfang der Insel nur knapp 5 Kilometer. Touristische Infrastruktur gibt es entlang der rund 600 Meter langen Strandpromenade. Die meisten Reisenden machen sich deshalb zu Fuß auf die Suche nach einer Unterkunft.

Mit einer Pferdestärke kommt man auch ans Ziel

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Beansprucht werden die Kutschen fast ausschließlich von älteren Einheimischen oder von Frauen, die mit ihren schweren Einkaufskörben auch kurze Strecken nur schwer bewältigen können. Ist eine Kutsche voll beladen, dann traben die außergewöhnlich kleinen Pferde los. Die Glöckchen, die an den Hälsen der Tiere befestigt sind und fröhlich klingeln, scheuchen Jugendliche auseinander, die auf den staubigen Sandstraßen zusammensitzen. Die wenigen Touristen laufen an den Straßenrand und schießen Fotos vom einzigen Verkehrsmittel, das es auf den indonesischen Gili Islands gibt. In Indonesien, wo tausende hupende Mopeds und Autos das Straßenbild dominieren, sind die „verkehrsberuhigten“ Gilis eine willkommene Abwechslung für Reisende.
Überhaupt scheint die Inselgruppe vor der Küste Lomboks das Urlauberparadies auf Erden zu sein – und das zu erschwinglichen Preisen. Gili Meno, Gili Air und Gili Trawangan heißen die Inseln, die als Geheimtipp unter Indonesien-Reisenden gelten. Vor der Nordwestküste von Lombok gelegen sind sie wie drei Perlen in das türkisfarbene Meer gebettet. Im klaren Wasser schwimmen hunderte Fische in allen Farben und Größen, ab und zu gleitet elegant eine Meeresschildkröte durch die Welllen. Die weißen Sandstrände eignen sich hervorragend für Spaziergänge. Vor allem am Strand von Gili Meno können Reisende die Ruhe genießen und die Seele baumeln lassen. Die wenigen Touristen bleiben zum Sonnenbaden, Schnorcheln und Schwimmen in der Nähe der nach Osten ausgerichteten Uferpromenade. Wer die Insel durchquert und den Tag am gegenüberliegenden Weststrand verbringt, kann ohne viel Phantasie die Einsamkeit eines Robinson Crusoe nachempfinden. Nur ein Stück Treibholz mit der Aufschrift „Gili Meno“ erinnert daran, dass es auf der gegenüberliegenden Seite der Insel einen kleinen Hafen, Bungalowanlagen, Restaurants und sogar einige Computer mit Internetzugang gibt.

“Poto, Poto!” – Die Faszination einer Digitalkamera

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Die in ganz Indonesien beliebten billigen Essenstände gibt es auch auf Gili Meno. Zu niedrigen Preisen bieten diese „Warungs“ einfache Gerichte an. Gegessen wird an einem großen Gemeinschaftstisch oder in kleinen, nach allen Seiten offenen Pfahlbauten. Auch vor den wenigen Restaurants stehen diese Unterstände auf vier Pfählen, die bei Touristinnen und Touristen wegen ihres idyllischen Aussehens sehr beliebt sind. Als Einrichtung dienen lediglich ein niedriger Holztisch und mehrere Polster, auf denen es sich der Gast zum Essen gemütlich machen kann. Abends werden in nahezu jedem Restaurant und Warung frisch gefischte Fische gegrillt. Dazu gibt es Maiskolben, Kartoffeln oder Reis. Die meisten Nahrungsmittel sowie das Trinkwasser müssen per Boot von Lombok auf die Insel gebracht werden. Auf Gili Meno wächst, abgesehen von Kokosnusspalmen, nicht viel. Dafür gibt es den frischesten Fisch, den sich hungrige Reisende wünschen können. Und auch Speisesalz steht den Bewohnern von Gili Meno in Massen zur Verfügung. Ein Salzsee im Inselinneren sorgt für ständigen Nachschub. Zwischen Strandpromenade und See liegt ein kleines Dorf. Dort gibt es eine kleine Dorfschule. Wer beim Erkunden der Insel an der Schule vorbeikommt, wird fröhlich begrüßt. „Selamat Datang!“, rufen die Kinder, was so viel bedeutet wie „Herzlich willkommen!“. Reisende, die einen Fotoapparat bei sich haben, sind für die Mädchen und Buben eine besondere Attraktion. Lachend posieren die Kinder für ein Foto, das sie auf dem Display der Digitalkamera auch gleich bewundern wollen. Nach den Gruppenaufnahmen folgen dann Einzelporträts. Die Grimassen der Buben sorgen bei den Mädchen für Gelächter. Erst wenn alle Kinder mit ihrem Bild zufrieden sind, ist der Fototermin beendet.
Auch eine Moschee gibt es auf der kleinen Insel. Fünfmal am Tag ruft der Muezzin die rund 400 Gläubigen zum Gebet auf, manchmal trägt der Wind seine Stimme bis zu den Restaurants am Strand.

Einsame Idylle: Fluch oder Segen?

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Doch für die Einwohner Gili Menos ist die Idylle nicht immer nur Segen. Die Abgeschiedenheit kann auch zum Fluch werden. Zwar wurde in den letzten Jahren eine kleine Krankenstation errichtet, einen Arzt gibt es hier aber nicht. Wer akut oder schwer erkrankt, muss mit dem Boot nach Lombok gebracht werden. Schlechte Wetterbedingungen oder ein extrem hoher Wellengang können in so einer Situation zum tödlichen Hindernis werden. Trotzdem – oder gerade deshalb – hält die Dorfgemeinschaft zusammen. In jeder Einrichtung, die Touristinnen und Touristen offensteht, werden Postkarten mit traumhaften Urlaubsmotiven verkauft. Der Erlös kommt der Ausbildung und Förderung von besonders begabten Kindern zugute. Die Auserwählten werden täglich mit dem Boot zur Schule nach Lombok gebracht, in der die Kinder mehr lernen sollen als dies in der kleinen Dorfschule auf Gili Meno möglich ist.
Nicht nur die Kinder werden unterstützt. Auch um gefährdete Meeresbewohner kümmern sich zwei Bewohner der Insel rührend. In Plantschbecken und alten Badewannen ziehen die drahtigen Indonesier Meeresschildkröten auf. Dreimal im Jahr kommen die Schildkröten an den Strand von Gili Meno, um im Sand ihre Eier abzulegen. „Wegen der Erwärmung des Meeres werden die Eier ohnehin immer seltener“, erklären die Tierschützer interessierten Reisenden. „Außerdem gelten die Eier in weiten Teilen der indonesischen Bevölkerung noch immer als Delikatesse.“ Deshalb graben die Männer die Eier aus und ziehen die geschlüpften Schildkrötenbabys auf, bis sie rund sechs Monate alt sind. Die Entlassung der Tiere ins Meer gleicht einer Zeremonie, an der vor allem Touristinnen und Touristen ihre Freude haben. Gegen eine großzügige Spende können Reisende ihre eigene kleine Schildkröte ins Wasser begleiten. Mit dem Geld wollen die Tierschützer in naher Zukunft eine Aufzuchtstation mit fixen, in Beton gegossenen Becken errichten. Gili Meno ist ein ruhiger, beschaulicher Ort, an den sich nicht viele Reisende verirren.

Luxusurlaub mit Klimaanlage, Partynächten und Kinovergnügen

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Beliebter und vor allem belebter ist die Nachbarinsel Gili Trawangan. Sie lockt partywillige, junge Backpacker an, aber auch gut situierte Paare, die auf Luxus nicht verzichten wollen. Hier können Reisende in der Hochsaison gut und gerne bis zu 150 Euro pro Tag für einen Bungalow bezahlen – eine sehr stolze Summe angesichts des indonesischen Preisniveaus. Inkludiert sind allerdings warmes Wasser im Badezimmer, Klimaanlage, Radio, Fernsehen, ein reichhaltiges Frühstücksbuffet und vor allem die einmalige Lage der Hotelanlagen. Außerdem gibt es in mehreren Anlagen einen hoteleigenen Swimmingpool, einen großzügigen Spabereich und künstlich angelegte Liegewiesen. Die touristische Infrastruktur der Insel erinnert denn auch mehr an die Malediven als an Indonesien.
Für Unterhaltung sorgen die einfallsreichen Inselbewohner ebenfalls. Ein Open-Air-Kino zeigt täglich zwei Filme, die in europäischen Kinos erst Monate später anlaufen. Unbekümmert spielt der Kinobetreiber die Raubkopien ab. Dass der Ton oft erst nachträglich hineingeschnitten wurde und deshalb schlecht ist, scheint hier niemanden zu stören. Immerhin ist das Filmvergnügen gratis – nur ein Getränk oder etwas zu essen sollte in der angrenzenden Bar konsumiert werden.

Aldi, Mozart und Magic Mushrooms

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Doch die Attraktion der Insel ist – vor allem für Reisende aus dem deutschsprachigen Raum – eine andere. Gili Trawangan beherbergt den kleinsten „Aldi“ der Welt. Auf 35 Quadratmetern wird unter dem offiziellen Aldi-Logo einfach alles verkauft. Und auch etwas typisch Österreichisches hat Gili Trawangan zu bieten. Im „Moz.art-Cafe“, das von einem Welser Pärchen betrieben wird, gibt es neben Melange und Gulasch auch ein echtes Wiener Schnitzel.
Am Tag halten sich die meisten Touristinnen und Touristen allerdings lieber am Strand oder im Wasser als in den zahlreichen Restaurants und Bars auf. Die Unterwasserwelt der Gilis ist spektakulär. Bunte Papageifische und niedliche Anemonenfische schwimmen an Korallen in allen Formen und Größen entlang. Wer Glück hat, trifft bereits beim Schnorcheln im seichten Wasser auf eine Meeresschildkröte. Außerdem gibt es auf Gili Trawangan mehrere Tauchschulen, die täglich Ausflüge in tiefere Gewässer anbieten. Auf den staubigen Straßen der Insel flanieren tagsüber vor allem Einheimische, die Einkäufe erledigen oder Besuche abstatten.

Wenn es Nacht wird über den Gilis…

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Erst nach Sonnenuntergang erwachen die Pubs, Bars und Restaurants am Strand zum Leben. Jeden zweiten Abend steigen hier große und gutbesuchte Parties. Für die jugendlichen Inselbewohner sind solche Veranstaltungen eine willkommene Gelegenheit, Kontakte zu Reisenden zu knüpfen. Vor allem allein reisende Frauen sind als Gesprächspartnerinnen heiß begehrt. Die Affäre mit einer Touristin gilt auf der Insel als Statussymbol. Um ihr Ziel zu erreichen, versuchen die jungen Männer westliche Mädchen und Frauen beharrlich und manchmal auch aggressiv von ihren Vorzügen zu überzeugen. Die Parties, auf denen geflirtet, getanzt und getrunken wird, dauern meist bis in die frühen Morgenstunden an. Um die Ausdauer der hippen und trinkfesten Gäste zu steigern, werden in vielen Bars „Magic Mushrooms“ angeboten, die halluzinogene Wirkung haben – und das, obwohl in Indonesien auf Drogenbesitz immer noch die Todesstrafe steht. Doch auf den Gilis gibt es weder Polizei noch Militär. Deshalb werben Barbesitzer und Jugendliche ganz offen für den „nice trip to the moon“. Zwar halten sich die meisten Reisenden beim Kauf der Drogen zurück. Die Tafeln, auf denen oft höchst kreativ die Vorzüge der Pilze angepriesen werden, sind allerdings ein beliebtes Fotomotiv. Eine berauschende Wirkung, die zudem legal ist, hat der Ausblick vom höchsten Punkt der Insel. Der „Lookout“ bietet Ausblicke auf Bali und Lombok, aber auch auf die Nachbarinseln Gili Meno und Gili Air. Vor allem abends lohnt es sich, die vielen Stufen, die auf den Hügel führen, zu erklimmen. Wenn dann die Sonne das Meer berührt und ihre letzten, orangen Strahlen die Welt einhüllen, fällt es nicht schwer, sich einige Kilometer nach Osten zu träumen. Dorthin, wo ein Stück Holz mit der Aufschrift „Harbour“ im Wind sanft hin und her schaukelt. Dorthin, wo das Paradies auf Erden liegt.

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