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Eine Advents-Reise in die Stadt der Liebe

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Von Ingrid, 9. Dezember 2009 17:11

Ein ofenwarmes Baguette, Butter, Marmelade, frischgepresster Orangensaft und zwei Café au lait – das köstliche petit déjeuner tröstet uns darüber hinweg, dass über Paris gerade die Sintflut zu kommen scheint. Die kleine Bar ist gemütlich und warm, leise dudelt Musik im Hintergrund, der Kellner ist freundlich und hilfsbereit und behandelt uns trotz unserer nicht-vorhandenen Französischkenntnisse wie vollwertige Menschen.

Wir haben Glück: Als wir das letzte Stück Baguette verspeisen, hört es draußen auf zu regnen. Gestärkt treten wir hinaus auf die Straße, beschließen, es so zu machen wie bei all unseren Reisen: Wir verstauen die Reiseführer im Rucksack und lassen uns durch die Straßen von Paris treiben. Je enger ein Gässchen, desto verlockender, lautet die Devise. Doch das Sprichwort scheint in abgewandelter Form für Paris zu gelten: “Jede Gasse führt zum Louvre”.

Louvre

Und so stehen wir im riesigen Innenhof mit der vergleichsweise kleinen, aber umso berühmteren Pyramide. Eine Frau kommt uns entgegen, bückt sich nach einem dicken, goldenen Ring der vor uns auf dem Boden liegt und streckt ihn uns entgegen und fragt auf Französisch: “Oh la la! Gehört der euch? Wollt ihr den?” Doch wir sind vorgewarnt. Mit diesem und hundert anderen Tricks arbeiten Taschendiebe.

“Passt auf eure Taschen und Rucksäcke auf!” hatte uns unsere Reisegefährtin im Zugabteil gewarnt. “Wenn du in Deutschland deine Brieftasche verlierst, dann bringt der Finder sie aufs Fundbüro. In Paris, da gibt es kein Fundbüro.” Die Afrikanerin war auf jene völlig abstruse Art rassistisch, die mich jedesmal wieder zum Lachen bringt. Schon beim Einsteigen hatte sie ihre zwei kleinen Kinder auf die Sitze platziert, sich vor uns aufgebaut und mit starkem Akzent streng gefragt: “Sind Sie Deutsche?” Zufrieden hatte sie unsere Antwort (”Nicht ganz. Österreicher und Italienerin.”) registriert, und gleich die Gründe für ihre Frage erklärt: “Kann ich beruhigt schlafen, und die Kinder auch. Deutsche sind ehrlich, hab ich keine Angst vor Diebstahl. Letzte Mal war ich mit zwei jungen Männern, die haben mich beobachtet, aber dann haben sie gemerkt, dass ich nicht einschlafen werde mit ihnen im Abteil. Sind dann gegangen, weil sie nicht stehlen konnten.”

“Eine Zugfahrt, die ist lustig”, heißt es nicht umsonst. Der fünfjährige Maurice spricht akzentfreies Deutsch, seine kleine Schwester plappert in einer der 70 Landessprachen der Elfenbeinküste und besticht durch ihren fröhlichen Charme und ihre großen staunenden Augen. Vier Wochen werden die Kinder bei einer Tante in Paris verbringen, während ihre Mutter zum ersten Mal seit 18 Jahren Weihnachten mit ihrer Familie in Afrika feiert.

Doch zurück nach Paris: Unser Spaziergang führt uns schließlich auch die weihnachtlich geschmückte Champs-Èlysèes hinauf. Kleine Hütten säumen die Pariser Prachtstraße, es riecht nach Glühwein, Crêpes und Hot Dogs. Auch in Paris gibt es also einen (total überlaufenen) Weihnachtsmarkt.

Elysses

Wir streben dem Arc de Triomphe entgegen, der ein Ende der 1910 Meter langen und 70 Meter breiten Avenue markiert. Wir steigen auf den Triumphbogen hinauf und genießen das 360°-Panorama über Paris. Ein erster Blick auf den Eiffelturm und die berühmten Kuppeln der Basilique du Sacré-Cœur macht noch neugieriger auf diese Stadt, die in unzähligen Filmen, Liedern und Büchern als “Stadt der Liebe” gepriesen wird (und in Thrillern und Krimis als Stadt, in der Leichen in der ruhig fließenden Seine versenkt werden).

ceur

Als wir abends nach einem 15-Kilometer-Marsch (es handelt sich hier um eine vorsichtige Schätzung) ins Hotel kommen, fallen wir todmüde ins Bett. Erst am nächsten Morgen realisieren wir, in welch originellem Pariser Hôtel wir abgestiegen sind. Unser Zimmer ist orange gestrichen, dicke Holzbalken stützen die Decke. Menschen, die bereits lange tot sein dürften, schauen von gerahmten Fotos auf uns herab. Getrocknete Rosensträuße hängen von der Decke und das blau-weiß bemalte Porzellan-Waschbecken ist eingebettet in einen Holzschrank. Vive le bon vieux temps!

Zimmer

Sonntag, 11 Uhr vormittags: Wir treffen Radia im Café Saint Michel. Kennengelernt haben wir die hübsche, intelligente und weltoffene Französin in Brisbane. Das Wiedersehen ist schön, unsere Gespräche knüpfen dort an, wo wir sie in Australien beendet haben. Außerdem hat Radia Miriam mitgebracht, eine Anwältin, die mit uns sprechen will, um ihr Englisch zu trainieren. Zweimal die Woche geht Miriam zu einem Konversationskreis: Sie spricht mit Britinnen Englisch, während diese versuchen, ihr Französisch zu verbessern. Miriam ist nicht nur eine lustige Gesprächspartnerin, sie ist auch Beweis dafür, dass nicht alle Franzosen stur auf ihre Sprache beharren.

Radia und Miriam führen uns durch das arabische Viertel von Paris. Hier gebe es das beste Couscous, schwärmt Radia. Außerdem habe sie alte Erinnerungen an diesen Stadtteil. Im Haus dort drüben habe sie gewohnt, bis der “old crazy man” im Stock unter ihr seine Wohnung abgefackelt habe, und ihre gleich mit. Radia ist eine ausgezeichnete Fremdenführerin. Nach einem Abstecher in die berühmte Basilique du Sacré-Cœur lotst sie uns durch enge Gässchen im Stadtteil Montmartre. Abseits von den Touristenströmen genießen wir in einem bis auf den letzten Platz besetzten Restaurant eine französische Spezialität, die vor allem aus Salat, aber auch aus Kartoffeln mit viel Knoblauch und Gewürzen besteht. Wahlweise dazu gibts Lachs oder Schinken.

yummie

Lange bleiben wir sitzen, reden und lachen. Stefan ist von Radia besonders deshalb fasziniert, weil sie selbstständige (und sehr erfolgreiche) Informatikerin ist. Ich wundere mich wieder einmal darüber, wie klein die Welt eigentlich ist: Radia arbeitet für eine französische Media Monitoring Agency, analysiert die bestehende IT und bringt sie wieder auf Vordermann. Diesselbe französische Agentur hat einen Vertrag mit Red Bull und telefoniert wöchentlich mit einer gewissen Ingrid im Headquarter in Fuschl ;-)

Bevor Radia sich verabschiedet, bringt sie uns noch zum berühmten Varieté Moulin Rouge. Die rote Windmühle wirkt erstaunlich klein und unspektakulär, verglichen mit den riesigen Sex-Shops und Tanzcafés, in denen alles angeboten wird, was irgendwie mit leiblicher “plaisir” zu tun hat.

rouge

Manchmal hat man auch beim Streunen Glück: Wir genießen gerade eine fantastische Aussicht auf den Eiffelturm, als dieser plötzlich anfängt, in allen Farben zu blinken und zu leuchten. Die Pariser reißen am Steuer ihres Wagen, parken den Peugeot, Renault oder Citroën in zweiter, dritter, vierter Reihe mitten auf der Straße. Fasziniert beobachten Touristen wie Einheimische das Spektakel.

eiffel

Zurück in unserem Stadtteil Saint Michel: Beim Ausgang der Metrostation steht ein Krankenwagen, außerdem mehrere Polizisten. Während wir noch rätseln, was hier passiert sein könnte, stolpern wir schon über die Blutlachen am Boden. So viel Blut verliert nur, wer angeschossen oder erstochen wird. Dass das mitten im Stadtzentrum passieren kann, ist für uns erschreckend. Doch Paris ist eine Großstadt, in der über zwei Millionen Menschen leben (im Ballungsraum sogar rund elf Millionen). Da lodern nicht nur Autos in den Vorstädten (um das Klischee zu bedienen), sondern auch jede Menge Feindschaften.

Tatsächlich ist die Integration in Frankreich gescheitert. Die Vorstädte haben sich im Laufe der Jahrzehnte zu Ghettos entwickelt, in denen nur Bürgerinnen und Bürger afrikanischer oder arabischer Herkunft leben. Diese Franzosen, die in den Augen der “richtigen” Pariser keine sind, bleiben unter sich. Es fehlt hier nicht am Willen der Immigranten, sondern an den Rahmenbedingungen, die sie vorfinden. Viele “Afrikaner” und “Araber” sind in Paris geboren, haben einen französischen Pass und sprechen nur französisch. Trotzdem sind sie keine vollwertigen Bürger. Das fällt vor allem im Berufsleben auf: “Weiße” Franzosen sind Kellner, Hotelbesitzer, Anwälte, Angestellte. Die “Zugereisten” arbeiten als Abspüler, Putzfrauen, Sekretärinnen, Müllmänner. Diese Parallelgesellschaft fördert vor allem eines: Armut und Unzufriedenheit.

Am auffälligsten aber sind die vielen Afrikaner und Araber, die als illegale Immigranten ihr Glück in Paris versuchen. Sie bieten kleine Eiffeltürme aus Plastik an, Armbänder oder Maroni, die sie auf einem alten Gasfass in einer durchlöcherten Metallschüssel braten. Was muss in ihnen vorgehen: Sie haben das Glück im reichen Europa gesucht und stehen nun als Verkäufer für eine kriminelle Organisation auf der Straße. “Immerhin haben sie es besser als in ihren Herkunftsländern”, sagt die Münchnerin, die auf der Heimreise mit uns im Zugabteil sitzt. Ob es den Männern und Frauen hier wirklich besser geht? Ich stelle es mir ganz schön hart vor, ständig mit der Angst vor Abschiebung zu leben, registriert, aber nicht akzeptiert zu werden.

Montag, 20 Uhr, Gare de l’Est: Wir decken uns mit Wasser und Baguette ein, schließlich liegt eine lange Fahrt vor uns. Als wir ganz klischeehaft mit dem Baguette unterm Arm die Treppen hochsteigen, können wir uns ein Lachen nicht verkneifen. Nur einen knappen halben Meter gehen wir an drei schwerbewaffneten Soldaten vorbei. Das Maschinengewehr im Anschlag mustern sie jeden Passagier, der den Bahnhof betritt. Zwar vermeidet Paris tunlichst, so zu sein wie alle anderen europäischen (und noch schlimmer: amerikanischen) Städte. Angst vor Terroranschlägen haben aber auch die Franzosen. Wie würden die Soldaten wohl reagieren, wenn jemand mit einem Baguette auf sie zielen würde?

Wir sind für einen solchen Scherz leider schon zu müde (und selbstverständlich auch zu feige). Deshalb warten wir ganz friedlich auf unseren Zug, atmen Pariser Luft und genießen einen letzten Kuss in der Stadt der Liebe.

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