Von Meeresschildkröten, Mozart und Magic Mushrooms
HINWEIS: Diese Reisereportage habe ich nach unserer Rückkehr aus Indonesien geschrieben. Nachdem der Artikel ziemlich lange in den Archiven meines Laptops verschollen war, soll er nun endlich seinen Weg an die Öffentlichkeit finden!
Gili Islands/Indonesien. Das Paradies ist verkehrsberuhigt. Auf den drei kleinen Inseln vor der Küste Lomboks ist motorisierter Verkehr verboten. Dafür gibt es Pferdekutschen, Meeresschildkröten und sogar den kleinsten „Aldi“ der Welt. Und jede Menge frischen Fisch.

Ein Windstoß hat das provisorische Schild in Bewegung gesetzt. Sanft schaukelt es hin und her. Mit roter Lackfarbe hat jemand „Harbour“ auf das Holzbrett geschrieben und es auf den untersten Ast einer Kiefer gehängt, die nur wenige Meter vom Wasser entfernt aus dem sandigen Boden wächst. Ab und zu tuckert eines der für diese Gegend typischen Holzboote auf die Anlegestelle zu. Vier Streben ragen wie Insektenbeine vom schmalen Bootsrumpf ab. An ihnen sind zwei lange Holzlatten befestigt, die als Stabilisatoren dienen und dem bunt bemalten Gefährt auch bei höherem Wellengang eine einigermaßen sichere Fahrt garantieren. Meist sind die Boote nur halbvoll, einige Einheimische kommen von einem Einkauf oder einem Arztbesuch zurück auf die Insel. Das Anlegemanöver dauert dann nur kurz und erregt wenig Aufmerksamkeit. Aber von Zeit zu Zeit, wenn Reisende mit ihren schweren Rucksäcken auf dem Rücken an Land gehen, erwacht der Hafen von Gili Meno zu Leben. Dann parken junge Männer ihre Pferdekutschen am Strand und versuchen sich gegenseitig mit „Transport, Transport!“-Rufen zu übertönen. Verständlich, dass die Kutscher um die Gunst jeder Touristin und jedes Touristen buhlen. Immerhin beträgt der Umfang der Insel nur knapp 5 Kilometer. Touristische Infrastruktur gibt es entlang der rund 600 Meter langen Strandpromenade. Die meisten Reisenden machen sich deshalb zu Fuß auf die Suche nach einer Unterkunft.
Mit einer Pferdestärke kommt man auch ans Ziel

Beansprucht werden die Kutschen fast ausschließlich von älteren Einheimischen oder von Frauen, die mit ihren schweren Einkaufskörben auch kurze Strecken nur schwer bewältigen können. Ist eine Kutsche voll beladen, dann traben die außergewöhnlich kleinen Pferde los. Die Glöckchen, die an den Hälsen der Tiere befestigt sind und fröhlich klingeln, scheuchen Jugendliche auseinander, die auf den staubigen Sandstraßen zusammensitzen. Die wenigen Touristen laufen an den Straßenrand und schießen Fotos vom einzigen Verkehrsmittel, das es auf den indonesischen Gili Islands gibt. In Indonesien, wo tausende hupende Mopeds und Autos das Straßenbild dominieren, sind die „verkehrsberuhigten“ Gilis eine willkommene Abwechslung für Reisende.
Überhaupt scheint die Inselgruppe vor der Küste Lomboks das Urlauberparadies auf Erden zu sein – und das zu erschwinglichen Preisen. Gili Meno, Gili Air und Gili Trawangan heißen die Inseln, die als Geheimtipp unter Indonesien-Reisenden gelten. Vor der Nordwestküste von Lombok gelegen sind sie wie drei Perlen in das türkisfarbene Meer gebettet. Im klaren Wasser schwimmen hunderte Fische in allen Farben und Größen, ab und zu gleitet elegant eine Meeresschildkröte durch die Welllen. Die weißen Sandstrände eignen sich hervorragend für Spaziergänge. Vor allem am Strand von Gili Meno können Reisende die Ruhe genießen und die Seele baumeln lassen. Die wenigen Touristen bleiben zum Sonnenbaden, Schnorcheln und Schwimmen in der Nähe der nach Osten ausgerichteten Uferpromenade. Wer die Insel durchquert und den Tag am gegenüberliegenden Weststrand verbringt, kann ohne viel Phantasie die Einsamkeit eines Robinson Crusoe nachempfinden. Nur ein Stück Treibholz mit der Aufschrift „Gili Meno“ erinnert daran, dass es auf der gegenüberliegenden Seite der Insel einen kleinen Hafen, Bungalowanlagen, Restaurants und sogar einige Computer mit Internetzugang gibt.
“Poto, Poto!” – Die Faszination einer Digitalkamera

Die in ganz Indonesien beliebten billigen Essenstände gibt es auch auf Gili Meno. Zu niedrigen Preisen bieten diese „Warungs“ einfache Gerichte an. Gegessen wird an einem großen Gemeinschaftstisch oder in kleinen, nach allen Seiten offenen Pfahlbauten. Auch vor den wenigen Restaurants stehen diese Unterstände auf vier Pfählen, die bei Touristinnen und Touristen wegen ihres idyllischen Aussehens sehr beliebt sind. Als Einrichtung dienen lediglich ein niedriger Holztisch und mehrere Polster, auf denen es sich der Gast zum Essen gemütlich machen kann. Abends werden in nahezu jedem Restaurant und Warung frisch gefischte Fische gegrillt. Dazu gibt es Maiskolben, Kartoffeln oder Reis. Die meisten Nahrungsmittel sowie das Trinkwasser müssen per Boot von Lombok auf die Insel gebracht werden. Auf Gili Meno wächst, abgesehen von Kokosnusspalmen, nicht viel. Dafür gibt es den frischesten Fisch, den sich hungrige Reisende wünschen können. Und auch Speisesalz steht den Bewohnern von Gili Meno in Massen zur Verfügung. Ein Salzsee im Inselinneren sorgt für ständigen Nachschub. Zwischen Strandpromenade und See liegt ein kleines Dorf. Dort gibt es eine kleine Dorfschule. Wer beim Erkunden der Insel an der Schule vorbeikommt, wird fröhlich begrüßt. „Selamat Datang!“, rufen die Kinder, was so viel bedeutet wie „Herzlich willkommen!“. Reisende, die einen Fotoapparat bei sich haben, sind für die Mädchen und Buben eine besondere Attraktion. Lachend posieren die Kinder für ein Foto, das sie auf dem Display der Digitalkamera auch gleich bewundern wollen. Nach den Gruppenaufnahmen folgen dann Einzelporträts. Die Grimassen der Buben sorgen bei den Mädchen für Gelächter. Erst wenn alle Kinder mit ihrem Bild zufrieden sind, ist der Fototermin beendet.
Auch eine Moschee gibt es auf der kleinen Insel. Fünfmal am Tag ruft der Muezzin die rund 400 Gläubigen zum Gebet auf, manchmal trägt der Wind seine Stimme bis zu den Restaurants am Strand.
Einsame Idylle: Fluch oder Segen?

Doch für die Einwohner Gili Menos ist die Idylle nicht immer nur Segen. Die Abgeschiedenheit kann auch zum Fluch werden. Zwar wurde in den letzten Jahren eine kleine Krankenstation errichtet, einen Arzt gibt es hier aber nicht. Wer akut oder schwer erkrankt, muss mit dem Boot nach Lombok gebracht werden. Schlechte Wetterbedingungen oder ein extrem hoher Wellengang können in so einer Situation zum tödlichen Hindernis werden. Trotzdem – oder gerade deshalb – hält die Dorfgemeinschaft zusammen. In jeder Einrichtung, die Touristinnen und Touristen offensteht, werden Postkarten mit traumhaften Urlaubsmotiven verkauft. Der Erlös kommt der Ausbildung und Förderung von besonders begabten Kindern zugute. Die Auserwählten werden täglich mit dem Boot zur Schule nach Lombok gebracht, in der die Kinder mehr lernen sollen als dies in der kleinen Dorfschule auf Gili Meno möglich ist.
Nicht nur die Kinder werden unterstützt. Auch um gefährdete Meeresbewohner kümmern sich zwei Bewohner der Insel rührend. In Plantschbecken und alten Badewannen ziehen die drahtigen Indonesier Meeresschildkröten auf. Dreimal im Jahr kommen die Schildkröten an den Strand von Gili Meno, um im Sand ihre Eier abzulegen. „Wegen der Erwärmung des Meeres werden die Eier ohnehin immer seltener“, erklären die Tierschützer interessierten Reisenden. „Außerdem gelten die Eier in weiten Teilen der indonesischen Bevölkerung noch immer als Delikatesse.“ Deshalb graben die Männer die Eier aus und ziehen die geschlüpften Schildkrötenbabys auf, bis sie rund sechs Monate alt sind. Die Entlassung der Tiere ins Meer gleicht einer Zeremonie, an der vor allem Touristinnen und Touristen ihre Freude haben. Gegen eine großzügige Spende können Reisende ihre eigene kleine Schildkröte ins Wasser begleiten. Mit dem Geld wollen die Tierschützer in naher Zukunft eine Aufzuchtstation mit fixen, in Beton gegossenen Becken errichten. Gili Meno ist ein ruhiger, beschaulicher Ort, an den sich nicht viele Reisende verirren.
Luxusurlaub mit Klimaanlage, Partynächten und Kinovergnügen

Beliebter und vor allem belebter ist die Nachbarinsel Gili Trawangan. Sie lockt partywillige, junge Backpacker an, aber auch gut situierte Paare, die auf Luxus nicht verzichten wollen. Hier können Reisende in der Hochsaison gut und gerne bis zu 150 Euro pro Tag für einen Bungalow bezahlen – eine sehr stolze Summe angesichts des indonesischen Preisniveaus. Inkludiert sind allerdings warmes Wasser im Badezimmer, Klimaanlage, Radio, Fernsehen, ein reichhaltiges Frühstücksbuffet und vor allem die einmalige Lage der Hotelanlagen. Außerdem gibt es in mehreren Anlagen einen hoteleigenen Swimmingpool, einen großzügigen Spabereich und künstlich angelegte Liegewiesen. Die touristische Infrastruktur der Insel erinnert denn auch mehr an die Malediven als an Indonesien.
Für Unterhaltung sorgen die einfallsreichen Inselbewohner ebenfalls. Ein Open-Air-Kino zeigt täglich zwei Filme, die in europäischen Kinos erst Monate später anlaufen. Unbekümmert spielt der Kinobetreiber die Raubkopien ab. Dass der Ton oft erst nachträglich hineingeschnitten wurde und deshalb schlecht ist, scheint hier niemanden zu stören. Immerhin ist das Filmvergnügen gratis – nur ein Getränk oder etwas zu essen sollte in der angrenzenden Bar konsumiert werden.
Aldi, Mozart und Magic Mushrooms

Doch die Attraktion der Insel ist – vor allem für Reisende aus dem deutschsprachigen Raum – eine andere. Gili Trawangan beherbergt den kleinsten „Aldi“ der Welt. Auf 35 Quadratmetern wird unter dem offiziellen Aldi-Logo einfach alles verkauft. Und auch etwas typisch Österreichisches hat Gili Trawangan zu bieten. Im „Moz.art-Cafe“, das von einem Welser Pärchen betrieben wird, gibt es neben Melange und Gulasch auch ein echtes Wiener Schnitzel.
Am Tag halten sich die meisten Touristinnen und Touristen allerdings lieber am Strand oder im Wasser als in den zahlreichen Restaurants und Bars auf. Die Unterwasserwelt der Gilis ist spektakulär. Bunte Papageifische und niedliche Anemonenfische schwimmen an Korallen in allen Formen und Größen entlang. Wer Glück hat, trifft bereits beim Schnorcheln im seichten Wasser auf eine Meeresschildkröte. Außerdem gibt es auf Gili Trawangan mehrere Tauchschulen, die täglich Ausflüge in tiefere Gewässer anbieten. Auf den staubigen Straßen der Insel flanieren tagsüber vor allem Einheimische, die Einkäufe erledigen oder Besuche abstatten.
Wenn es Nacht wird über den Gilis…

Erst nach Sonnenuntergang erwachen die Pubs, Bars und Restaurants am Strand zum Leben. Jeden zweiten Abend steigen hier große und gutbesuchte Parties. Für die jugendlichen Inselbewohner sind solche Veranstaltungen eine willkommene Gelegenheit, Kontakte zu Reisenden zu knüpfen. Vor allem allein reisende Frauen sind als Gesprächspartnerinnen heiß begehrt. Die Affäre mit einer Touristin gilt auf der Insel als Statussymbol. Um ihr Ziel zu erreichen, versuchen die jungen Männer westliche Mädchen und Frauen beharrlich und manchmal auch aggressiv von ihren Vorzügen zu überzeugen. Die Parties, auf denen geflirtet, getanzt und getrunken wird, dauern meist bis in die frühen Morgenstunden an. Um die Ausdauer der hippen und trinkfesten Gäste zu steigern, werden in vielen Bars „Magic Mushrooms“ angeboten, die halluzinogene Wirkung haben – und das, obwohl in Indonesien auf Drogenbesitz immer noch die Todesstrafe steht. Doch auf den Gilis gibt es weder Polizei noch Militär. Deshalb werben Barbesitzer und Jugendliche ganz offen für den „nice trip to the moon“. Zwar halten sich die meisten Reisenden beim Kauf der Drogen zurück. Die Tafeln, auf denen oft höchst kreativ die Vorzüge der Pilze angepriesen werden, sind allerdings ein beliebtes Fotomotiv. Eine berauschende Wirkung, die zudem legal ist, hat der Ausblick vom höchsten Punkt der Insel. Der „Lookout“ bietet Ausblicke auf Bali und Lombok, aber auch auf die Nachbarinseln Gili Meno und Gili Air. Vor allem abends lohnt es sich, die vielen Stufen, die auf den Hügel führen, zu erklimmen. Wenn dann die Sonne das Meer berührt und ihre letzten, orangen Strahlen die Welt einhüllen, fällt es nicht schwer, sich einige Kilometer nach Osten zu träumen. Dorthin, wo ein Stück Holz mit der Aufschrift „Harbour“ im Wind sanft hin und her schaukelt. Dorthin, wo das Paradies auf Erden liegt.