Nachrichten getagged: Geschlechter

Von jetzt an unbezahlt

Von Ingrid, 28. September 2009 21:09

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Seit gestern arbeite ich unbezahlt. Für den Rest dieses Jahres werde ich wöchentlich rund 45 Stunden meiner Zeit in ein Unternehmen investieren, das nicht mein eigenes ist – und zwar gratis.

Die Gleichbezahlung von Männern und Frauen endete statistisch gesehen mit dem 27. September. Laut Statistik Austria beträgt die Einkommensschere 26,2 Prozent. Denjenigen, die diesen Unterschied damit erklären, dass mehr Frauen als Männer in Teilzeit arbeiten, sei gesagt: Für die Erhebung wurde das Gehalt von vollzeitbeschäftigten Frauen mit dem ihrer männlichen Kollegen verglichen.

Der Equal Pay Day sollte vorgestern auf diese Ungerechtigkeit aufmerksam machen. Doch was sind die Gründe für die ungleiche Bezahlung?

Frauen gelten in der Wirtschaft als die “unbequemeren” Arbeitnehmer(innen): Eine plötzliche Schwangerschaft kann nie ausgeschlossen werden, dass Frauen früher oder später in Karenz gehen, scheint für die meisten Arbeitgeber(innen) klar. Dass es Frauen gibt, die eine berufliche Karriere der Familienplanung vorziehen, gilt als nahezu ausgeschlossen. Und wenn es trotzdem eine wagt, gilt sie nur all zu schnell als Emanze, machtgeile Karrierefrau oder emotional verkrüppeltes Mannweib.

Ich wage zu behaupten, dass noch nie ein Arbeitgeber einen männlichen Bewerber abgelehnt hat aus Angst, dieser würde eine Familie gründen und dann nicht mehr 100 Prozent seiner Kraft und Zeit in das Unternehmen investieren. Dabei könnte doch auch ein Mann ein paar Monate nach seiner Einstellung um Vaterschaftsurlaub ansuchen? Solange es eine Ausnahme bleibt, dass frischgebackene Väter zu Hause Windeln wechseln und Wäsche waschen, wird das Vorurteil wohl weiterleben, dass ein Kind sich nur normal entwickeln kann, wenn es von der Mutter aufgezogen wird.

Was aber könnte, abseits von einer Schwangerschaft, noch Grund sein für ein ungleiches Einkommen? Sind Frauen wirklich zu feige, bei Gehaltsverhandlungen auf den Tisch zu hauen? Verzichten sie um des lieben Frieden willens auf einen Streit um den Lohn, der ihnen zusteht? Beharren sie nicht stur genug auf ihren Wert, wissen sie vielleicht ihren eigenen Wert gar nicht zu schätzen? Das behauptet jedenfalls mein Freund Stefan, und vielleicht hat er mit seinen Thesen gar nicht so unrecht. Immerhin haben Studien ergeben, dass Frauen die Schuld häufig bei sich suchen, während die meisten Männer von vornherein davon ausgehen, dass sie gar nichts falsch gemacht hätten.
Ein interessanter Versuch belegte diese Aussage eindrucksvoll. Alle Testpersonen sollten eine CD in einen Laptop einlegen und abspielen. Während die meisten Frauen nach einigen erfolglosen Versuchen die Schuld bei sich selbst suchten, behauptete der Großteil der Männer, das CD-Laufwerk müsse kaputt sein. Und tatsächlich – das CD-Laufwerk war vor dem Versuch unschädlich gemacht worden (allerdings hatten die Männer das nicht wissen können).

Doch zurück zum Wesentlichen: Wie kann die Einkommensschere verringert bzw. ganz geschlossen werden?
Weder wird diese Ungerechtigkeit von der einzelnen Frau gelöst werden können, die stur und selbstsicher auf ein höheres Gehalt beharrt. Die Schuld ausschließlich bei den Unternehmen und der Wirtschaft zu suchen, macht allerdings auch wenig Sinn.
Lösungsansätze liegen wohl bereits in der Berufswahl von Jugendlichen: Buben entscheiden sich oft für die gutbezahlten, immer noch männlich tradierten technischen Berufe. Mädchen wählen im Gegensatz dazu zwischen zehn Berufen, die weder gut bezahlt sind noch hohes Ansehen in der Gesellschaft genießen. Als Friseurinnen oder Verkäuferinnen verdienen sie meist schon während der Lehre weniger als ihre männlichen Altersgenossen.

Außerdem sollte die Karenz unbedingt unter beiden Elternteilen aufgeteilt werden, sofern das möglich ist. Das Argument, dass der (oder in den meisten Fällen die) weniger gut Bezahlte seinen/ihren Job vorübergehend auf Eis legt, kann nicht greifen. Denn hier schließt sich der Teufelskreis: Frauen verdienen weniger, bleiben zu Hause – und gelten deshalb dem Wirtschaftssystem als weniger wertvoll.

Und ganz bestimmt kann etwas mehr Selbstvertrauen allen berufstätigen Frauen nicht schaden.
Wer auf die eigenen Rechte besteht, ist keine Zicke. Wer sich durchsetzen kann, kein Kampfweib. Und wer Ungerechtigkeiten zur Sprache bringt, keine Emanze.
Vielmehr ist diese selbstbewusste Frau, die um ihren Wert weiß, ein Gewinn für jedes Unternehmen und somit für die gesamte Wirtschaft.

Offener Brief an die Klosterbrüder des Kapuzinerklosters in Salzburg

Von Ingrid, 31. August 2009 09:29

Der folgende Brief an die Kapuzinerbrüder blieb bis heute unbeantwortet. Schade eigentlich… hätte mich über eine konstruktive Diskussion mit den Patern sehr gefreut.

Liebe Klosterbrüder des Salzburger Kapuzinerklosters!

2002 kam ich als Studentin aus einem kleinen Südtiroler Dorf nach Salzburg. Obwohl ich mich in der Mozartstadt von Anfang an wohl fühlte, war die erste Zeit doch nicht leicht. Ich war unzufrieden mit der Wahl meiner Studienrichtung und wusste nicht, was ich in und mit meinem Leben wirklich machen wollte. Die unzähligen Stunden, in denen ich durch die Wälder auf dem Kapuzinerberg gestreift bin, haben mir damals viel Kraft gegeben. Weil Glaube und die Pfarrgemeinschaft in meinem Heimatort Perdonig eine sehr wichtige Rolle spielen, wünschte ich mir auch hier in Salzburg eine Kirche, in der ich mich wohl fühle. In Ihrem Gotteshaus habe ich schließlich gefunden, wonach ich so lange gesucht hatte.

Die Predigten berührten mich, weil sie immer genau das Thema behandelten, das mich gerade beschäftigte. Mir kam es manchmal so vor, als wäre mein Leben ein Film, in dem Gott durch den Priester direkt mit der Hauptdarstellerin spricht. Einige Beispiele: Ich war verunsichert, ob ich mein Studienfach wechseln sollte – der Priester sprach darüber, dass man berufliche Entscheidungen immer überdenken und neue Wege einschlagen könne. Ich fühlte mich einsam, der Pfarrer fand aufmunternde Worte über die Tatsache, dass man stets eine Heimat in den Herzen der Menschen habe, die einen lieben. Ich hatte Streit mit Freunden, die Predigt handelte von Freundschaft, Streit und Vergebung. Diese Zufälle waren beinahe schon unheimlich!

Nach einigen glücklichen Jahren stehe ich derzeit wieder vor einem Wendepunkt: Ich habe das Studium abgeschlossen und bin auf der (schwierigen) Suche nach einem erfüllenden, interessanten, sinnvollen Job hier in Salzburg.

Nach langer Zeit besuchte ich gestern wieder eine Messe auf dem Kapuzinerberg – und war neugierig, ob das „Wunder“ weiterginge. Zum ersten Mal in meinem Leben habe ich einen Gottesdienst bereits vor der Kommunion verlassen. Ich erwarte nicht, dass in einem Kapuzinerkloster eine kirchliche Revolution beginnt. Mir ist bewusst, dass Ordensbrüder einer Tradition verhaftet sind, die in der heutigen schnelllebigen Zeit oft altmodisch und reaktionär wirkt. Dass ein so junger Pfarrer wie der gestrige Zelebrierende aber in der Predigt die Frau als „Schmuck des Mannes“ beschreibt, kann ich nicht verstehen. Nach Aussagen des Pfarrers, dessen Name ich leider nicht kenne, solle der Mann seine Fähigkeiten und Talente sinnvoll einbringen. Die Frau habe die Aufgabe, ihm zur Seite zu stehen, wörtlich: „schön zu sein“ und ihm „Antrieb zu geben“.

Ich weiß, dass die Frau von der Kirche lange Zeit als “minderwertig” gesehen wurde und immer noch wird. Die Stellung der Frau hängt demnach vor allem von ihrer Funktion in der Familie ab. Doch dass die einzige Funktion der Frau darin liegt, dem Mann zu gefallen (oder sich als Nonne betend hinter Klostermauern zu verschanzen), ist heute zum Glück auch in weiten Teilen der Kirche und unter Theologen und Theologinnen umstritten.

Und so wünsche ich all diesen Frauen Glück, die dem „Idealbild“ dieses Pfarrers nicht entsprechen: Den Nonnen, die im Dienste der Menschen weltweit für Gerechtigkeit und Menschenwürde kämpfen. Denen, die in männerdominierten Branchen ihre „Frau“ stehen. Den hässlichen Frauen, die ihre Fähigkeiten sinnvoll einsetzen. Denen, die in einer gleichgeschlechtlichen Partnerschaft leben, und keinem Mann gefallen müssen. Und vor allen denen, die einen Mann lieben, der sich eine gleichberechtigte Partnerin wünscht und ihr gerne Antrieb ist, wenn sie ihre Fähigkeiten und Talente auch außerhalb der Familie sinnvoll einbringt.

Najmia – Fremd in der eigenen Stadt

Von Ingrid, 12. August 2009 14:21

Eine 13-jährige, die von erwachsenen Männer angepöbelt wird und sich mutig und frech zur Wehr setzt. Die mit den Buben aus der Nachbarschaft Fußball spielt, auf dem Fahrrad durch die engen Gassen der Altstadt prescht und ihrer kleinen Schwester unbeschwert zeigt, dass man sich auch nach Einbruch der Dunkelheit auf die Straße trauen kann.
Nichts ungewöhnliches eigentlich – würde es nicht um eine junge Muslimin in der yemenitischen Hauptstadt Sanaa handeln. Najmia ist eine faszinierende kleine Persönlichkeit: Charmant, gewitzt und sorglos kämpft das Mädchen gegen die herrschenden Traditionen an. Ihren schwarzen Schleier trägt sie frech um die Hüfte gebunden, ihr Pferdeschwanz wippt beim Laufen fröhlich auf und ab. In der Enge Sanaas gilt ein solches Verhalten als Provokation.
Die Filmemacherin Khadija al Salami hat Najmia bei ihren Streifzügen durch die Gassen der Stadt begleitet. Immer wieder weisen Männer und Buben die 13-Jährige vor laufender Kamera zurecht: Wo ihr Schleier sei, wollen sie wissen. Dass es sich für ein Mädchen nicht gehöre, zum Fußballspielen auf die Straße zu gehen und dass Frauen nach Einbruch der Dunkelheit ohnehin nichts auf den Straße zu suchen haben. Ob ihr Vater wisse, dass sie sich filmen lasse und dass sie sich für ihr unziemliches Verhalten eine Tracht Prügel verdient habe.
Najmia begegnet den Vorwürfen lachend: “Was wisst ihr denn schon? Ich kann machen, was ich will.” Sie träumt davon, zu studieren, Lehrerin, Ärztin oder am besten Dolmetscherin zu werden: “Dann kann ich Touristen durch die Gassen Sanaas führen. Ich kenne alles hier!”
Ihre Klassenkameradinnen beteuern lauthals, niemals so sein zu wollen wie Najmia. Es gehöre sich nicht. Doch auf Nachfragen der Filmemacherin geben sie zu, dass sie das Mädchen eigentlich beneiden: um ihre Freiheit, ihr Unbeschwertheit, die rebellische Art. Dann lacht die 13-Jährige, klopft ihren Freundinnen hart auf die Schultern und grinst siegessicher direkt in die Kamera.
Von Zeit zu Zeit friert das fröhliche Lachen auf Najmias Gesicht ein. Wenn ihr Freund sie verleugnet, weil Jungen sich nicht mit Mädchen abgeben sollen. Wenn sie von Straßenjungen und Stammesbrüdern als Diebin und Gaunerin beschimpft wird. Und schließlich auch, als sie der Regisseurin erzählt, dass sie sich nicht mehr mit ihr treffen dürfe. Ihr Vater habe sie geschlagen, und ihr den Umgang mit der Fremden verboten. Nach 35 erfrischenden Minuten, in denen die Hoffnung des Mädchens Berge zu versetzen scheint, dann der nüchterne Satz auf schwarzem Hintergrund: “Sieben Monate nach den Dreharbeiten muss Najmia den Schleier tragen. Ihr Vater zwingt sie dazu.”

Diese Reportage, die gestern im “kreuz & quer”-Themenabend auf ORF2 gezeigt wurde, hat mich berührt. Zwar gibt es auch in Europa in Sachen Gleichbehandlung der Geschlechter noch einiges zu tun.
Doch während bei uns großteils theoretische Rahmenbedingungen diskutiert werden, mangelt es andernorts an grundlegendsten Rechten. Wieviel Kraft braucht es, um sich gegen frauenfeindlichste Traditionen zu wehren? Wie kann eine 13-Jährige den Mut aufbringen, gegen Unterdrückung und Benachteiligung zu kämpfen? Warum nimmt ein Mädchen Prügel auf sich, um seine Freiheit zu verteidigen, anstatt sich wie Tausende andere einfach unterzuordnen?
Für die meisten Männer in Sanaa ist klar: “Die Frau ist dem Mann nicht ebenbürtig. Sie ist eine Degeneration. Macht ein Mann einen Fehler, so ist es sein persönlicher. Macht eine Frau einen Fehler, bringt sie Schande über die Familie und muss bestraft werden.” Dass selbst der mutigen und lebensfrohen Najmia bei solchen Äußerungen das Lachen vergeht, verwundert nicht.
Von ganzem Herzen wünsche ich ihr aber die Kraft, die Ausdauer und die nötige Unterstützung, weiter zu kämpfen: für ihre Freiheit, ihre Träume und ihre Zukunft.

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