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Najmia – Fremd in der eigenen Stadt

Von Ingrid, 12. August 2009 14:21

Eine 13-jährige, die von erwachsenen Männer angepöbelt wird und sich mutig und frech zur Wehr setzt. Die mit den Buben aus der Nachbarschaft Fußball spielt, auf dem Fahrrad durch die engen Gassen der Altstadt prescht und ihrer kleinen Schwester unbeschwert zeigt, dass man sich auch nach Einbruch der Dunkelheit auf die Straße trauen kann.
Nichts ungewöhnliches eigentlich – würde es nicht um eine junge Muslimin in der yemenitischen Hauptstadt Sanaa handeln. Najmia ist eine faszinierende kleine Persönlichkeit: Charmant, gewitzt und sorglos kämpft das Mädchen gegen die herrschenden Traditionen an. Ihren schwarzen Schleier trägt sie frech um die Hüfte gebunden, ihr Pferdeschwanz wippt beim Laufen fröhlich auf und ab. In der Enge Sanaas gilt ein solches Verhalten als Provokation.
Die Filmemacherin Khadija al Salami hat Najmia bei ihren Streifzügen durch die Gassen der Stadt begleitet. Immer wieder weisen Männer und Buben die 13-Jährige vor laufender Kamera zurecht: Wo ihr Schleier sei, wollen sie wissen. Dass es sich für ein Mädchen nicht gehöre, zum Fußballspielen auf die Straße zu gehen und dass Frauen nach Einbruch der Dunkelheit ohnehin nichts auf den Straße zu suchen haben. Ob ihr Vater wisse, dass sie sich filmen lasse und dass sie sich für ihr unziemliches Verhalten eine Tracht Prügel verdient habe.
Najmia begegnet den Vorwürfen lachend: “Was wisst ihr denn schon? Ich kann machen, was ich will.” Sie träumt davon, zu studieren, Lehrerin, Ärztin oder am besten Dolmetscherin zu werden: “Dann kann ich Touristen durch die Gassen Sanaas führen. Ich kenne alles hier!”
Ihre Klassenkameradinnen beteuern lauthals, niemals so sein zu wollen wie Najmia. Es gehöre sich nicht. Doch auf Nachfragen der Filmemacherin geben sie zu, dass sie das Mädchen eigentlich beneiden: um ihre Freiheit, ihr Unbeschwertheit, die rebellische Art. Dann lacht die 13-Jährige, klopft ihren Freundinnen hart auf die Schultern und grinst siegessicher direkt in die Kamera.
Von Zeit zu Zeit friert das fröhliche Lachen auf Najmias Gesicht ein. Wenn ihr Freund sie verleugnet, weil Jungen sich nicht mit Mädchen abgeben sollen. Wenn sie von Straßenjungen und Stammesbrüdern als Diebin und Gaunerin beschimpft wird. Und schließlich auch, als sie der Regisseurin erzählt, dass sie sich nicht mehr mit ihr treffen dürfe. Ihr Vater habe sie geschlagen, und ihr den Umgang mit der Fremden verboten. Nach 35 erfrischenden Minuten, in denen die Hoffnung des Mädchens Berge zu versetzen scheint, dann der nüchterne Satz auf schwarzem Hintergrund: “Sieben Monate nach den Dreharbeiten muss Najmia den Schleier tragen. Ihr Vater zwingt sie dazu.”

Diese Reportage, die gestern im “kreuz & quer”-Themenabend auf ORF2 gezeigt wurde, hat mich berührt. Zwar gibt es auch in Europa in Sachen Gleichbehandlung der Geschlechter noch einiges zu tun.
Doch während bei uns großteils theoretische Rahmenbedingungen diskutiert werden, mangelt es andernorts an grundlegendsten Rechten. Wieviel Kraft braucht es, um sich gegen frauenfeindlichste Traditionen zu wehren? Wie kann eine 13-Jährige den Mut aufbringen, gegen Unterdrückung und Benachteiligung zu kämpfen? Warum nimmt ein Mädchen Prügel auf sich, um seine Freiheit zu verteidigen, anstatt sich wie Tausende andere einfach unterzuordnen?
Für die meisten Männer in Sanaa ist klar: “Die Frau ist dem Mann nicht ebenbürtig. Sie ist eine Degeneration. Macht ein Mann einen Fehler, so ist es sein persönlicher. Macht eine Frau einen Fehler, bringt sie Schande über die Familie und muss bestraft werden.” Dass selbst der mutigen und lebensfrohen Najmia bei solchen Äußerungen das Lachen vergeht, verwundert nicht.
Von ganzem Herzen wünsche ich ihr aber die Kraft, die Ausdauer und die nötige Unterstützung, weiter zu kämpfen: für ihre Freiheit, ihre Träume und ihre Zukunft.

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