Welterbe Dolomiten – ein Plädoyer für die Schönheit der Natur

Vor über einem Jahr wurden Teile der Dolomiten von der Unesco als Weltnaturerbe anerkannt. Natürlich war diese Entscheidung für die meisten Menschen ein Grund zur Freude: Immerhin werden nur “Gebiete von außergewöhnlicher Naturschönheit und ästhetischer Bedeutung” in die Liste aufgenommen. Gut für den Tourismus und das Südtiroler Ego also, eher schlecht für den Bau neuer Liftanlagen und Verbauungen (denn natürlich müssen solche Gebiete auch geschützt werden).
Doch an dieser Stelle soll es nicht darum gehen, zu polarisieren und auch nicht um die Folgen, die eine solche Auszeichnung hat. Es ist mir viel mehr ein Anliegen zu betonen, warum es sich die Dolomiten “verdient” haben, in dieses Welterbe aufgenommen zu werden. Als im Ausland lebende Südtirolerin (für all jene, die sich bemüßigt fühlen, laut zu protestieren. Ich spreche hier von politischen und geographischen Grenzen. Und dass der Brenner eine solche darstellt, scheint mir klar zu sein – daran ändert auch ein Brennerbasistunnel nichts.) habe ich die Schönheit meiner Heimat erst in den letzten Jahren so richtig zu schätzen gelernt.
Zwar hat mich die Vielfalt Südtirols auch früher schon beeindruckt: die sanften Hügel im Überetsch, die Palmen auf der Meraner Passerpromenade, der Schilfgürtel um den Kalterer See, die steilen Getreidefelder im Sarntal und eben die schroffe Bergwelt der Dolomiten.
Der Faszination dieser Gegend kann man sich kaum entziehen – die weißen Felswände, die Sagen, die sich um das Reich der Fanes ranken (sehr empfehlenswert, fesseln Kinder, aber noch mehr Erwachsene: die “Dolomitensagen” von Karl F. Wolff), die Alpenrosen und Enziane und wenn man Glück hat, kugelrunde Murmeltiere.
Erst kürzlich habe ich einen Besuch zu Hause genutzt, um mit meinem Vater die Rotwand zu erklimmen – natürlich nicht über die Wand selbst, sondern durch den Vajolonpass hinauf auf die Roda di Vael oder eben Rotwand (klingen diese Namen nicht herrlich nach Felsengeistern, der Königstocher Dolasilla und dem Zauberer Spina de Mul, der sich in Gewitternächten in ein Tierskelett verwandelt?) auf 2808 m. Den Masaré-Klettersteig, der über den Fensterlturm zum Tor de le Stries (Hexenturm) und dann zur Punta di Masaré führt, habe ich allein gewagt – und mich dann mit meinem Tata zu einer guten Speckknödelsuppe auf der Rotwandhütte getroffen.
Wunderbar, wie klein man sich fühlt angesichts dieser wortwörtlich “steinalten” Bergwelt – und gleichzeitig so frei, dass alle Sorgen des Alltags plötzlich ganz weit weg scheinen. Ein Weltnaturerbe, das Demut lehrt: Vor der Schönheit der Welt, auf der wir leben dürfen und die wir nach bestem Wissen und Gewissen bewahren sollen.
