Pickerl-Mania
Natürlich versuche ich in meinem Blog so abwechslungsreich wie möglich zu sein. Natürlich versuche ich, Geschichten und Erlebnisse von allen Seiten zu beleuchten. Und natürlich versuche ich, nicht zweimal über das gleiche Thema zu schreiben – bzw. mich darüber aufzuregen.
Daher vorweg: Dieser Eintrag war nicht geplant. Habe eine einstündige Regenpause (Sommer! Wo bist du!) genutzt, um ein wenig an die frische Luft zu kommen. Aus dem geplanten zügigen Spaziergang wurde dann doch ein Schlendern – nämlich von einem Laternenpfosten zum anderen. Meine Aufmerksamkeit erregt haben wieder einmal diese rot-weiß-gestreiften Pickerl, die von “Einem Tirol” und der “Freiheit Süd-Tirols” sprechen.
Wie weit muss man sich eigentlich vom Brenner entfernen, um dieser Hetzerei einer rechts-nationalistischen Gruppierung zu entkommen? Ist es denn normal, dass in Salzburg an jedem fünften Laternenmasten (das ist eine Schätzung, aber ganz bestimmt keine Übertreibung) Werbematerial für die Wiedervereinigung Tirols klebt? Wer fühlt sich derart eingeschränkt und seiner Rechte beraubt, dass er seine freie Zeit damit verbringt, der Öffentlichkeit rot-weiß-rote Pickerl aufzudrängen?
Um das noch einmal klar zu stellen: Die europäische Idee einer Gemeinschaft, in der Völker friedlich zusammenleben, finde ich ganz wunderbar. Ein solcher Zusammenschluss hat nichts zu tun mit dem Verlust der eigenen Identität. Im Gegenteil: Aus vielen Eigenheiten wird eine bunte Mischung, die das Zusammenleben bereichert. Traditionen und Kultur zu bewahren hat nichts mit Rechtsextremismus zu tun. Wer käme auf die Idee, ein solches Gedankengut bedrohten Volksgruppen in Afrika, Südamerika und Asien zu unterstellen? Die Rettung des Schamanentums, die Erhaltung alter Kunsthandwerke finden die Zustimmung der aufgeklärten Welt. Genau so sehe ich auch das “Goaslschnelln” (lautes Knallen mit einer Peitsche), den Volkstanz, Volkslieder oder Trachten. All das ist erhaltenswert.
Solche Traditionen sollen in den Schutz einer Gemeinschaft gestellt werden. Eine Gemeinschaft, die die Identität eines jeden Menschen bewahrt und schützt. Die gleichzeitig aber keinen Raum lässt für engstirnigen Nationalismus, rassistische, sexistische, homophobe Bewegungen. Das ist ein Europa, wie ich es mir erträume. Wo jeder vom Nachbarn lernt und die Vielfalt als das begreift, was sie ist: Eine Chance.
Worauf man bei einem Laternenmasten-Begutachtungs-Spaziergang so stößt, seht ihr unten. Auffällig ist, dass vor allem links- und rechtsextreme Gruppierungen die Masten für ihr Marketing nutzen. Leider gibt es sehr wenige humorvolle Pickerl, die auf Missstände in der Gesellschaft hinweisen. Noch weniger gibt es die, die ohne tiefergehende Kritik einfach nur zum Schmunzeln anregen sollen. Humor an Laternenmasten kommt meist zu kurz. Schade eigentlich.



Ach Ingrid, über manche Sachen kann man nicht oft genug schreiben. Besser einmal zu oft, als die Augen vor solchen Dingen zu verschließen. Schau mich an, ich weiß zwar, dass in Österreich auch die weiter rechtsgerichteten Parteien stark sind, aber ich hätte jetzt nicht gewußt, dass eine derartige Hetze im italienischen Südtirol betrieben wird. Ich verbinde mit Südtirol nur friedvolle und idyllische Urlaubserlebnisse. Aber damals war ich auch erst 16 und auf Klassenreise in dem kleinen Örtchen Steinegg. Vermutlich bekommt man dabei sowieso nicht soviel mit.
LG
Anne
PS: Pickerl ist übrigens wieder ein Wort, das mir vorher nicht bekannt war! Was heißt es genau: Zettelchen, Flugblatt?
Apropos: Deinen Hinweis unter dem anderen Artikel habe ich gefunden. Hätte ihn aber fast übersehen, so sehr hat mich das Foto gefesselt.