Vereint unterm Adler
Neulich in Salzburg: Wir parken den kleinen roten Polo mit italienischem Kennzeichen in einer Seitenstraße. Beim Frühstück in einem gemütlichen Kaffeehaus führt Stefan Geschäfts- und Verhandlungsgesprüche, während ich mich quer durch Zeitungen und Magazine lese. Erholsam ist das, ein wunderbarer Ausgleich zum Alltags-Stress. Gut gelaunt gehen wir zum Auto zurück – und das Herz sackt mir in die Magengrube. Ein Strafzettel klemmt unterm Scheibenwischer.
Genervt ziehe ich die Zettel heraus, seltsam, dass Polizisten sich die Mühe machen, die Scheine in ein kleines Plastiksäckchen zu packen. Als ich sie umdrehe, um mich über die Höhe der Strafe zu informieren, bin ich erst mal verblüfft.
Ein roter Adler grinst mir entgegen, halb von der italienischen Fahne verdeckt. Irgendein Spruch über das Unrecht an Südtirol steht auch auf dem Aufkleber (soll ich mir den etwa aufs Auto pappen?). Außerdem viel Infomaterial darüber, dass Südtirol ja eigentlich Tirol ist und das Land zu Unrecht auseinandergerissen wurde. Und der Aufruf, sich das nicht gefallen zu lassen, sich zu wehren, das Unrecht nicht zu akzeptieren. Dann noch eine schöne Zeichnung der Dornenkrone (natürlich ohne Rosen) und viele Zitate des unvergessenen LHs Eduard Wallnöfer.
Nun frage ich mich wirklich: Gibt es Salzburger, die derart unter der “Trennung Tirols” leiden, dass sie Autos mit Bozner Targa (oder ist es doch eher eine Nummertafel / Autokennzeichen?) aufspüren? Oder sind es (Nord-/Ost-)Tiroler, die immer ein paar Infoblätter bei sich haben und diese an passenden Stellen verteilen, um irgendwann wieder zu alter Größe zurück zu finden. Oder ist hier doch eine gut organisierte Truppe von Südtiroler-Aktivisten am Werk, die gezielt Propaganda in Österreich betreibt? Immerhin ist mir auch in der österreichischen Peripherie, genauer gesagt im beschaulichen Fuschl am See, der unmögliche Spruch “Südtirol ist nicht Italien” ins Auge gesprungen – und das als Aufkleber auf einem Straßenlaternenmasten.
Wer soviel Zeit hat, Aufkleber zu verteilen, sollte doch auch die Zeit haben, über seine Forderungen nachzudenken. An dieser Stelle möchte ich alle Landsleute (die Definition sei jedem/jeder selbst überlassen. Meine ich mit Land wohl Nord-, Süd-, Ost-, Gesamttirol oder ganz Österreich oder Italien oder Europa?) auffordern, sich mal vorzustellen, wie es wäre, so an Tirol angeschlossen zu werden. Wir wären Teil eines der neun Bundesländer Österreichs. Keine Autonomie, keinen eigenen Landeshauptmann (oder könnte unser charmanter Durnwalder auch bei den Nordtirolern punkten?), keine selbstständige Gesetzgebungsbefugnis für die Bereiche Landwirtschaft, Schulwesen, öffentliche Fürsorge. Derzeit kommen 90 Prozent aller Steuern, die im Landesgebiet eingetrieben werden, den Landeskassen zu Gute. Der Gesamthaushalt Südtirols umfasst somit eine Summe von rund 5 Milliarden Euro jährlich. Zum Vergleich muss sich das Bundesland Tirol, das eine deutlich größere Bevölkerung zählt, mit 2 bis 3 Milliarden begnügen. Aber wem geht es hier schon um’s Geld? Was zählt, sind unsere Gesamt-Tiroler Prinzipien! (Und weil Sarkasmus im geschriebenen Wort nur selten funktioniert, hier noch einmal ausdrücklich: Der letzte Satz war stark sarkastisch angehaucht!)




